Fuji-san die zweite oder wieso man bei jedem Schritt einen Berg verflucht


In Japan gibt es ein Sprichwort, wer den Fuji einmal besteigt ist weise, wer es zweimal tut ist ein Idiot. Ignorant wie ich mit meinem Dickschädel nun mal manchmal bin hab ich das Sorichwort ignoriert und mich zusammen mit meiner Mutter auf den Weg zur 5. Bergstation des Fuji gemacht. Hier sei bemerkt, dass es verschiedenen Möglichkeiten gibt, von Tokyo aus zur Bergstation zu kommen. Von Tokyo Station aus fährt ein Bus in 2h direkt nach Kawaguchi-ko Station am Fuße des Fuji. Von dort aus fahren Busse direkt zur Bergstation. Insgesamt ist man ca. 3.5 h unterwegs und zahlt 3.400 Yen. Die nächste Möglichkeit ist mit der Bahn und zweimal umsteigen nach Kawwaguchiko zu kommen. Das dauert je nach Verbdinung biszu 5h und kostet ebenfalls rund 3.000 Yen (bitte nicht festnageln....). Beim ersten Mal bin ich mit dem Bus von Tokyo Station aus gefahren und hatte leichte Probleme noch einen Bus zur Station zu bekommen. Diesmal wollten wir es uns einfacher machen und direkt von Shinjuku aus mit dem Highway Bus zur Fujisan Gogome (5. Bergstation des Fuji) fahren. Beim ersten Mal hatte ich die Möglichkeit ignoriert, weil ich mich in Shinjuku beim Versuch den Highway Bus Terminal zu finden 3mal verlaufen habe. Diesmal wars nicht wirklich besser aber nach einem kleinen Abstecher zur Tourist Information waren wir schlauer und der Terminal nach 15 Minuten ziemlich problemlos gefunden. Karten kann man zwar auch telefonisch reservieren, allerdings ist die Leitung permanent belegt und leider ist es recht unwahrscheinlich, einen englischsprachigen Mitarbeiten zu erwischen. Hier gilt also wie für fast alles: Japanischkenntnisse sind von Vorteil. Allerdings geht es auch mit einem persönlichen besuch und dem Schlüsselsatz "Fujisan Gogome" alternativ reichen auch Bergstiefel und dicker Rucksack und die Herrschaften wissen wohin man will. Kostenpunkt für die 2.5h Fahrt zum Startpunkt der Qual 2.600 Yen einfach. Ist aber mal abgesehen von der Sucherei des Bus Terminals die bequemste Möglichkeit. Wer sich richtig fordern will kann selbstverständlich auch von Kawaguchiko den ganzen Weg nach oben laufen...äh ja....wer will eben. Die 5. Bergstation liegt auf 2.305m und die 10. Bergstation liegt auf 3.770 m - mir persönlich reicht das aber wers von 120m aus machen will bitte!

Um es eventuell geistig umnachteten Fujianwärtern einfacher zu machen, den Fujikyu und Keio Highway Bus Terminal zu finden hier eine selbst gestrickte Wegbeschreibung:
Immer Richtung West Ausgang, dann seht Ihr rechts das Odakyu Kaufhaus und die Odayku Railway Station. Vorne sieht man die beiden Türme des Rathauses von Tokyo. Über die Straße rüber und dann folgendes Reklameschild suchen genau an der Ecke gegenüber liegt der Highway Bus Terminal wo man Karten kaufen kann und von wo aus auch die Busse zum Fujisan abfahren. 

Nachdem wir die Karten gekauft hatten ging es zurück zum Hotel und es hieß Essen, Trinken, Ersatzsocken und Foto einzupacken. Meine Nervosität war im Vergleich zum ersten Ausflug zum Fuji eigentlich nicht vorhanden, ich wusste ja (dachte ich) worauf ich mich einlasse, das kribbelige Gefühl kam erst, als wir nach 2.5 h ankamen und es schon ziemlich unkel war. Ach ja, die beste Zeit den Fuji zu besteigen ist über Nacht. Das hat zwei Gründe: Erstens muss man sich den Sonnenaufgang von oben aus anschauen und mein Lieblingsgrund ist, dass man wenns finster ist nicht sieht, wie weit es noch hoch geht. In Tokyo hatte es an diesem Tag nachmittags noch schlappe 30 Grad, kaum aus dem Bus ausgestiegen warens vielleicht noch 18....und es windete ein wenig. Nach einem kurzen Stopp im Souvenirladen und einem heißen Kaffee aus dem Automaten für 120 Yen gingt es also los. Kurz noch zwei Singapurer in die richtige Richtung mitnehmen und nach 20 Minuten die erste Probe für die Beine....steil aufwärts Richtung 6. Station. Die Etape ist schnell erledigt und macht Mut für den Aufsteg, den braucht man auch denn bis zur ersten siebten Station dauert es....bis zur zweiten siebten Station dauerts wieder und die Probleme gingen los. Es war schweinekalt, der Wind artete sekundenweise in Sturm aus und die Luft war ziemlich feucht. Hinter der zweiten siebten Station gehen dann auch die Kletterpartien los, die nachts auch mit  Stirnlampen ein bisschen schwierig sind und die mit den glitschigen Felsen absolut gar keinen Spaß machten. Bei der Haupstation der siebten Station (manchmal hab ich nur noch gelacht als ich schon wieder siebste Station gelesen habe....mit dem nummerieren habens die Japaner nicht so wirklich) waren wir zugegeben ein wenig demoralisiert und holten unsere Regenumgänge raus, was allerdings ein bisschen probelematisch war, da sich im Sturm so Dinger nicht einfach anziehen lassen. 

Beim Laufen mit Gegenwind hatte man teilweise das Gefühl keine Luft mehr zu kriegen, weil der Wind so stark war. Hört sich jetzt vielleicht übertrieben an aber ich hab solche Boen vorher erst einmal im Leben erlebt und das war bei einem Taifun. Weiter nach oben, jeder Schritt tut weh und mit jedm Schritt wird die innere Stimme lauter: "...wers zweimal tut ist ein Idiot..." außerdem konnt ich mich wieder daran erinnern, warum wir den Berg beim ersten Mal good damn fucking mountain getauft haben. Hilft alles nix, man könnte zwar umdrehen aber es fährt bis zum Morgen eh kein Bus und es ist ja erst 2.30 Uhr....5 Stunden unterwegs und noch kein Gipfel in Sicht noch nicht mal die 8. Station. Also weiter, Schritt für Schritt und die Unterhaltung verstummt weil jeder nur noch vor sich hinflucht. Es sind auch sonst wenig Leute unterwegs, nur selten kommt man an Mitwanderen vorbei, gegrüßt wird nicht weil jeder damit beschäftig ist, sich zu motivieren. Das ist bei besserem Wetter nicht der Fall, da ist die Stimmung um einiges besser....

Nach 5 Stunden Quälerei ist die 8. Station erreicht, es regnet, der Wind hat dermaßen zugenommen, dass man von Boen gegen die Felsen gedrückt wird und minutenlang warten muss, bis der Wind nachlässt. Nass, durchgefroren und erschöpft suchten wir in der Hütte der 8. Station Zuflucht und einn trockenes Bett um wenigstens ein bisschen schlaf zu bekommen. Sonnenaufgang hin oder her...ich will ein Bett, bei dem Wetter sieht man ja nicht mal Sterne dann wirds wohl mit der Sonne auch nichts werden. Nach einigem Hin und Her bekamen wir zwei Plätze in den Kojen und schliefen mehr oder weniger schnell mit dem Schnarchen der anderen Mitwanderer im Ohr erschöpft ein. Draußen tobte der Sturm weiter und wir machten uns Hoffnung, dass in 3 oder 4 Stunden alles besser wird....denkste....geweckt wurden wir um 5 und krabbelten verschlafen nach draußen. Wetter unverändert, es war nur heller regnete aber immer noch und der Wind hatte kein Stück nachgelassen.

 Meine Mutter entschied sich dazu, den Rückweg anzutreten und nach einigen Diskussionen mit meinem inneren Schweinehund, meiner Vernunft und meinem Dickschädel beschloss ich den Weg zum Gipfel alleine fortzusetzen. Eine Entscheidung die ich nach ca. 20m bereute...aber ich lass mich doch nicht von einem blöden Berg klein kriegen. Den Gedanken hatte ich dann bei jedem Schritt nach oben, der Weg wurde noch steiler, die Kletterpartien dank der leicht wackligen Knie nur noch schwieriger. Die Windboen nahmen an Stärke nochmal zu und die windfreien Intervalle wurden kleiner. Zum Glück konnte ich mich einer japanischen Gruppe anschließen und wurde gleich mal ausgefragt, wieso man sich denn sowas zweimal antut...einmal würde ja reichen. Stimmt ja auch aber wenn man noch zwei Stunden vom Gipfel vor sich hat und 5 Stundne hinter sich dreht man nicht um - Punkt. Kurz bevor ich mich hinsetzen wollte um nie wieder aufzustehen kam eines der Torii in Sicht, das die letzte Etappe markiert. Genau im richtigen Moment! Die letzten Meter (tun richtig weh) ging es im Gäsnemarsch mit all den andern Irren nach oben um nach 7h und ein paar Minuten ganz oben zu stehen. Sicht gleich Null, Motivation gleich Null, Temperatur näherte sich Null und der Regen war schon zu Schneeregen geworden. Meine Klamotten waren klatschnass und die einzige Aussicht die man hatte waren all die Wanderer, die sich in die kleinen Hütten drückten um vor den Sturmboen Schutz zu suchen. Wie beim ersten Mal gab es als Belohnung fürs hochschinden einen heißen Dosenkaffee mit Höhenaufschlag: 800 Yen....egal schmeckt herrlich und wenigstens der Magen wird aufgewärmt. Ca. 5 Minuten nachdem ich den Gipfel erreicht hatte ging es für mich wieder nach unten. Hier ist Vorsicht geboten, denn man kann mit einer falschen abzweigung in der falschen Provinz landen. Immer darauf achten, dass man Richtung 5. Station geht. Die Rutschpartie auf der Geröllpiste (es gibt eine Aufstiegsroute und eine Abstiegsroute) geht zwar um einiges schneller als die Kletterei nach oben allerdings ist es vor allem für die Knie nicht grade angenehmer. Auf dem Weg nach unter waren genauso wenig Leute unterwegs, beim ersten Mal war der Weg gepflastert mit Leuten auf dem Rückweg. Dank einer netten kleinen Boe hatte ich dann auf dem halben Weg runter einen aufgeschlagene Hand die blutete (nochmal danke an den netten Japaner, der mich mit Desifektionsmittel versorgt hat) und fette blaue Flecke am Hintern, weils mich richtig hingeschlagen hatte. Solche Souvenirs gibt es nirgends zu kaufen!

2.5h Abstieg später kam ich also an der Fujisan Gogome an und fand glücklicherweise auch gleich meine Mutter, die eine Stunde vorher angekommen war. Bei einer Schüssel Nudelsuppe stellten wir fest, dass es eine ziemlich bescheidene Idee gewesen war, kurz nach Eröffnung der offiziellen Fuji Saison loszugehen. Meine Mutter reagiert bis heute ein bisschen allergisch auf die Erwähnung des Namens Fuji - ich glaub sie wird weise bleiben und es nicht noch mal machen. Bei mir sieht es so aus: Das nächste Mal probier ich es wieder im August und hoffe auf besseres Wetter. Ja richtig gelesen, ich habe mir beim aufstieg geschworen, das nicht noch mal zu machen. aber beim Abstieg, so ca. nachdem ich mir die blauen Flecke geholt habe, kam mir der Gedanke, dass ich den Sonnenaufgang auf jeden Fall nochmal sehen will. Also god damn fucking mountain - wir sehen uns wieder und diesmal nehm ich einen Neoprenanzug und ne Heizdecke mit!


zurück